Freigesprochen, aber weiterhin in Gefahr: Blasphemie-Beschuldigte auf der Flucht und im Exil
Ein Freispruch bei Blasphemie in Pakistan bedeutet nicht zwangsläufig, dass die beschuldigte Person anschließend sicher nach Hause zurückkehren kann. Für manche Menschen, die in Pakistan der Blasphemie beschuldigt werden, ist die Realität nach einem Freispruch jedoch weitaus komplizierter.
Die Gefängnistür öffnet sich.
Doch die Rückkehr nach Hause kann weiterhin gefährlich sein.
Asia Bibi
Kaum ein Fall verdeutlicht dies besser als der von Asia Bibi.
Die christliche Landarbeiterin wurde 2009 nach einem Streit mit muslimischen Frauen im Punjab der Blasphemie beschuldigt.
Sie bestritt den Vorwurf.
Im Jahr 2010 wurde sie zum Tode verurteilt.
Fast acht Jahre später, am 31. Oktober 2018, sprach der Oberste Gerichtshof Pakistans sie frei, nachdem er erhebliche Mängel in den Beweisen der Anklage festgestellt hatte.
Rechtlich gesehen war Asia Bibi frei.
In der Realität blieb sie jedoch in Gefahr.
Ihr Freispruch löste große Proteste aus. Sicherheitsbedenken machten eine sofortige Rückkehr in ein normales Leben unmöglich.
Schließlich verließ sie 2019 Pakistan und ging nach Kanada.
Salamat Masih
Salamat Masih war noch ein christliches Kind, als er gemeinsam mit Rehmat Masih und Manzoor Masih der Blasphemie beschuldigt wurde.
Während des laufenden Verfahrens wurden sie vor einem Gerichtsgebäude von bewaffneten Männern angegriffen.
Manzoor wurde getötet.
Salamat und Rehmat überlebten und wurden später zum Tode verurteilt.
Der Lahore High Court sprach sie schließlich frei.
Salamat verließ Pakistan später aufgrund anhaltender Befürchtungen um seine Sicherheit.
Warum beendet ein Freispruch nicht automatisch die Gefahr?
Ein Gerichtsurteil und eine gesellschaftliche Anschuldigung folgen unterschiedlichen Mechanismen.
Ein Gericht prüft Beweise.
Eine aufgebrachte Menschenmenge liest möglicherweise niemals das Urteil.
Wenn der Name eines Menschen erst einmal öffentlich mit Blasphemie in Verbindung gebracht wurde, können Extremisten ihn weiterhin für schuldig halten – unabhängig davon, zu welchem Urteil die Richter gekommen sind.
Dadurch entsteht eine außergewöhnliche Situation:
Ein Mensch kann vor dem Gesetz unschuldig sein und dennoch nicht sicher in dem Land leben können, dessen Gerichte ihn freigesprochen haben.
Der verborgene Preis des Exils
Die internationale Berichterstattung über einen Fall endet manchmal, sobald die beschuldigte Person ein anderes Land erreicht hat.
Doch das Exil ist nicht zwangsläufig ein glückliches Ende.
Es kann bedeuten, Folgendes zu verlieren:
- das eigene Zuhause,
- den Arbeitsplatz,
- die erweiterte Familie,
- die vertraute Sprache,
- die Gemeinschaft,
- die Kirche,
- die Nachbarn
- und das Land, in dem man eigentlich den Rest seines Lebens verbringen wollte.
Sicherheit ist von unschätzbarem Wert.
Doch ein erzwungenes Leben im Exil bedeutet trotzdem einen tiefgreifenden Verlust.
Fazit
Ein Archiv über Blasphemiefälle sollte daher zwei verschiedene Arten von Ergebnissen dokumentieren:
Juristischer Ausgang: verurteilt, freigesprochen, freigelassen oder Verfahren noch anhängig.
Menschlicher Ausgang: sicher zu Hause, vertrieben, im Versteck, bedroht oder gezwungen, das Land zu verlassen.
Ohne diese zweite Kategorie bleibt die historische Dokumentation unvollständig.
Gerechtigkeit sollte mehr bedeuten, als lediglich die Haft zu überleben.
Ein unschuldiger Mensch sollte auch das Recht haben, nach Hause zurückzukehren.
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