Blasphemie als Mittel zum eigenen Vorteil: Wie Anschuldigungen in Pakistan für Landraub, Geschäftskonflikte und persönliche Rache missbraucht werden
Blasphemievorwürfe in Pakistan scheinen auf den ersten Blick ausschließlich mit Religion zu tun zu haben.
Doch hinter manchen Anschuldigungen verbergen sich weitaus weltlichere Motive:
Land, Geld, geschäftliche Konkurrenz, Schulden oder persönliche Rache.
Dieser Aspekt der Blasphemieproblematik in Pakistan verdient besondere Aufmerksamkeit, denn er verändert die Art und Weise, wie solche Fälle verstanden werden müssen. Wenn eine Anschuldigung mit potenziell verheerenden Folgen als Waffe gegen einen wirtschaftlichen Konkurrenten, einen Nachbarn oder einen Grundstückseigentümer eingesetzt werden kann, geht das Problem weit über die Religionsfreiheit hinaus.
Es wird zu einer Frage der Macht.
Wenn eine Anschuldigung einen Grundstücksstreit völlig verändert
Ein gewöhnlicher Streit um Eigentum wird normalerweise mithilfe von Dokumenten, Anwälten und Gerichtsverfahren ausgetragen.
Eine Blasphemieanschuldigung kann dieses Kräfteverhältnis jedoch nahezu über Nacht verändern.
Human Rights Watch führte zwischen Mai 2024 und Januar 2025 Feldforschungen in mehreren Distrikten Punjabs sowie in Islamabad durch und dokumentierte Fälle, in denen Blasphemieanschuldigungen zum wirtschaftlichen Vorteil missbraucht worden sein sollen – unter anderem zur Erpressung, Zwangsvertreibung und Aneignung von Land.
Die Organisation stellte fest, dass wirtschaftlich marginalisierte Gemeinschaften besonders gefährdet sein können, wenn Bewohner über keine formellen Eigentumsnachweise für ihr Land verfügen.
Wenn eine Anschuldigung Drohungen oder Gewalt durch einen Mob auslöst, können Familien zur Flucht gezwungen werden.
Ihr Eigentum bleibt zurück.
Und verlassenes Eigentum lässt sich erheblich leichter in Besitz nehmen als Eigentum, dessen rechtmäßige Besitzer noch sicher darin leben.
Ayub Masih: Religion und ein Streit um Land
Der Fall des christlichen Angeklagten Ayub Masih zeigt, warum Ermittler auch die Hintergründe einer Anschuldigung sorgfältig untersuchen müssen.
Masih wurde 1996 festgenommen, nachdem ihm blasphemische Äußerungen vorgeworfen worden waren.
Er bestritt die Anschuldigung.
Seine Verteidigung machte geltend, dass der Vorwurf mit einem Streit um Land zusammenhing.
Masih wurde schließlich zum Tode verurteilt.
Jahre später, im Jahr 2002, sprach ihn der Oberste Gerichtshof Pakistans frei.
Zu diesem Zeitpunkt hatte er jedoch bereits Jahre seines Lebens im Gefängnis verbracht.
Die entscheidende Frage ist nicht, ob jede Anschuldigung, bei der ein Grundstücksstreit eine Rolle spielt, erfunden ist.
Entscheidend ist vielmehr, ob ein Rechtssystem bei einem derart schwerwiegenden Vorwurf ausreichend untersucht, warum der Beschwerdeführer diese Anschuldigung möglicherweise erhebt.
Ein mächtiges Instrument zur Erpressung
Die Untersuchung von Human Rights Watch aus dem Jahr 2025 ging weit über einzelne anekdotische Fälle hinaus.
Die Organisation dokumentierte Vorwürfe, wonach Blasphemieanschuldigungen dazu benutzt wurden, Menschen zu erpressen, geschäftliche Konkurrenten anzugreifen und schutzbedürftige Gemeinschaften von ihrem Land zu vertreiben.
Auch Pakistans Nationale Menschenrechtskommission (National Commission for Human Rights) hat Besorgnis über mutmaßlich organisierte Strukturen geäußert, in die Hunderte Beschuldigte in Blasphemiefällen verwickelt sein sollen.
Dadurch entsteht ein beunruhigender wirtschaftlicher Anreiz.
Wenn eine Anschuldigung dazu führen kann, dass ein Mensch im Gefängnis verschwindet – oder eine ganze Familie zur Flucht gezwungen wird –, kann jemand mit skrupellosen Absichten zu dem Schluss kommen, dass eine religiöse Anschuldigung wirkungsvoller ist als ein zivilrechtliches Verfahren.
Minderheiten sind zusätzlich gefährdet
Auch Muslime können Opfer böswilliger Blasphemieanschuldigungen werden – und werden es tatsächlich.
Christen, Ahmadis, Hindus und Angehörige anderer Minderheiten können jedoch zusätzlichen Benachteiligungen ausgesetzt sein.
Viele gehören wirtschaftlich marginalisierten Gemeinschaften an.
Manche verfügen nur über geringen politischen Einfluss.
Einige leben auf Grundstücken, für die sie keine eindeutigen oder formellen Eigentumsnachweise besitzen.
Und sobald religiöse Feindseligkeit entsteht, kann sich ein gewöhnlicher Streit in einen Konflikt zwischen ganzen Gemeinschaften verwandeln.
Der Beschuldigte steht dann möglicherweise nicht mehr nur einem einzelnen Gegner gegenüber, sondern einer ganzen feindseligen Menschenmenge.
Warum auch falsche Beschuldigungen untersucht werden müssen
Die öffentliche Diskussion konzentriert sich häufig ausschließlich auf die beschuldigte Person.
Doch auch eine vorsätzlich erfundene Anschuldigung muss untersucht werden.
Wenn die Behörden mit aller Härte gegen Beschuldigte vorgehen, Personen, die vorsätzlich falsche oder böswillige Anschuldigungen erheben, jedoch nur selten zur Verantwortung ziehen, entsteht ein gefährliches Ungleichgewicht.
Der Anreiz, solche Anschuldigungen zu missbrauchen, bleibt dadurch bestehen.
Fazit
Blasphemieanschuldigungen dürfen niemals zu einem Mittel werden, um Grundstücksstreitigkeiten zu gewinnen, geschäftliche Konkurrenten auszuschalten oder persönliche Rechnungen zu begleichen.
Jede Anschuldigung erfordert eine unabhängige und sorgfältige Untersuchung.
Ermittler sollten nicht nur untersuchen, was der Beschwerdeführer behauptet, sondern auch fragen:
Wer profitiert davon, wenn der Beschuldigte festgenommen wird?
Gab es zuvor einen Konflikt?
Geht es um Land oder anderes Eigentum?
Wurde Geld verlangt?
Gab es eine geschäftliche Rivalität?
Religion mag die Sprache sein, in der die Anschuldigung formuliert wird.
Doch manchmal geht es in Wirklichkeit um etwas völlig anderes.
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